Emotionen verstehen ~ das innere Kind befreien
- Gianna Reccavallo
- 18. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Willkommen in diesem Moment. Ganz mit dir. Für dich.
Dieser Moment ist der einzige Ort, an dem Heilung geschieht. Und genau für diesen Moment – für jeden Moment, in dem du dich aufgewühlt fühlst, in dem Wut, Traurigkeit oder Angst in dir hochsteigen – ist dieser Prozess gedacht. Für jeden Augenblick, in dem du dich sorgst, grübelst, dich verstrickst in Gedanken über die Zukunft oder die Vergangenheit. Für jeden Moment, in dem du spürst, dass du auf eine Weise reagierst, die dir nicht dient.
Vielleicht kennst du diese Situationen: Du sagst etwas, das du später bereust. Du tust etwas, von dem du dir geschworen hast, es nie wieder zu tun. Du liegst nachts wach, mit diesem vertrauten Knoten in der Brust.
Diese Momente entstehen nicht durch das, was gerade in deinem Erwachsenenleben passiert. Was tatsächlich geschieht, ist Folgendes:
Eines oder mehrere deiner inneren Kinder reagieren so, als würde die ursprüngliche Bedrohung von damals jetzt wieder passieren. Die Emotion, die du fühlst, ist keine erwachsene Reaktion auf ein aktuelles Ereignis. Sie ist die Reaktion eines Kindes auf etwas, das vor Jahren oder Jahrzehnten geschehen ist – ausgelöst, aber nicht verursacht durch etwas im Jetzt.
Es gibt nicht nur ein inneres Kind. Es gibt tausende.
Jedes steht für einen eingefrorenen Moment deiner Vergangenheit – ein anderes Alter, eine andere Erfahrung, eine andere Schlussfolgerung darüber, wie das Leben funktioniert und was nötig ist, um zu überleben.
Manche dieser Kinder glauben völlig widersprüchliche Dinge. Deshalb fühlt es sich manchmal an, als würdest du innerlich Krieg führen.
Und doch trägt jedes dieser Kinder etwas Kostbares in sich:
Weisheit
Kreativität
Vorstellungskraft
Energie
persönliche Kraft
All das ist in den eingefrorenen Momenten gebunden – und nicht verfügbar, solange diese Kinder nicht zurückkehren.
Dieser Prozess ist ein Weg, sie zurückzuholen.

Der Ruf des inneren Kindes
Immer wenn du getriggert wirst, wenn Emotionen hochkommen, wenn du dich überfordert fühlst, ruft ein inneres Kind nach dir. Es sagt:
„Ich habe Angst. Ich bin traurig. Ich bin wütend. Ich brauche dich.“
Und deine Aufgabe ist nicht, dieses Kind zu kritisieren oder zu unterdrücken. Nicht zu sagen: „Reiss dich zusammen.“ Nicht zu denken: „Was stimmt nicht mit mir?“
Sondern ihm zu begegnen wie ein liebevoller, weiser innerer Elternteil:
„Ich habe dich gehört. Ich verstehe dich. Ich weiß, warum du dich so fühlst. Ich habe mich genauso gefühlt, als ich du war. Und ich kenne einen Weg, der funktioniert. Komm in mein Herz - wir machen es jetzt anders.“
Das ist der Wendepunkt. Das ist der Moment, in dem Heilung beginnt.
Du kannst diesen Prozess auf zwei Arten anwenden:
1. Reaktiv – im Moment des Aufgewühltseins
Wenn du getriggert bist, kurz davor stehst, etwas zu sagen oder zu tun, das du bereuen wirst, oder wenn eine Emotion dich überrollt – dann verwendest du den Prozess sofort.
Je öfter du ihn übst, desto natürlicher wird er dir einfallen.
2. Proaktiv – bevor der Trigger kommt
Du setzt dich hin, wenn du ruhig bist. Du identifizierst deine Muster, Trigger, wiederkehrenden Probleme. Und du löst sie systematisch auf, bevor sie sich erneut zeigen.
Beide Wege nutzen dieselben vier Schritte.
Schritt 1: Rückkehr zur Haltung und zum Atem
Atme tief durch die Nase ein – bis in den unteren Bauch. Lass den Bauch sich heben. Atme durch den Mund aus – mit einem Seufzen, mit weichem Kiefer. Ein und aus, gleich lang, verbunden, ohne Pause. Wie ein ewiger Fluss.
Schenke dir ein Lächeln. Mit jedem Einatmen strömt das Universum in dich hinein. Mit jedem Ausatmen gibst du ab, was du nicht mehr brauchst.
Dieser Atem richtet dich aus – von deinem Steissbein bis zu deiner Krone. Und jedes Mal, wenn du zum Atem zurückkehrst, sagst du deinem inneren Kind:
„Ich bin hier. Du musst nicht steuern. Ich übernehme.“
Vielleicht merkst du, dass du aufhören willst zu atmen, wenn Emotionen hochkommen. Das ist das Kind. Kehre sanft zurück.
Schritt 2: Die Frage, die alles verändert
Während du atmest, frage dich:
„Könnte ich die Möglichkeit akzeptieren, dass diese Emotion nicht durch das aktuelle Ereignis verursacht wird?“
Damit trittst du in einen Raum jenseits von Zeit und Materie. Du identifizierst dich weniger mit dem Kind und mehr mit deinem wahren Selbst.
Du wirst neugierig statt verurteilend.
Vielleicht taucht eine Erinnerung auf. Vielleicht nicht. Beides ist richtig.
Wichtig ist nur: Du richtest deine Aufmerksamkeit nicht auf das äussere Ereignis. Nicht auf das, was dein Partner gesagt hat. Nicht auf das, was bei der Arbeit passiert ist. Nicht auf dein Bankkonto. Du gehst zurück zum Kind.
Schritt 3: Atme mit deinem inneren Kind und lade es in dein Herz ein
Jetzt atmest du für das Kind, das damals den Atem angehalten hat. Du löst, was seit Jahren oder Jahrzehnten festgehalten wurde.
Sprich zu ihm: „Ich höre dich, Liebes. Ich verstehe, warum du dich so fühlst.“
Es braucht keine Zustimmung zu seinen alten Schlussfolgerungen. Es braucht Anerkennung. Gesehenwerden. Gehaltenwerden.
Vielleicht hast du deine inneren Kinder früher kritisiert oder zum Schweigen gebracht. Jetzt verwandelst du Ablehnung in Liebe. Sag ihm:„Komm hoch in mein Herz. Komm zurück zu mir.“ Wenn du im Herzen bist, fühlt es sich sicher. Und alles beginnt sich zu ordnen.
Schritt 4: Umlenken
Von diesem ruhigen, liebevollen Ort aus sagst du:„Wir spielen das nicht mehr auf diese Weise.“ Du lenkst sanft um. Nicht durch Zwang. Nicht durch Druck. Sondern durch Präsenz, Liebe und Vorleben.
Wenn das innere Kind zurückkehrt, dann geschieht etwas Wundervolles:
Mehr Kraft steht dir zur Verfügung
Mehr Klarheit
Mehr Kreativität
Mehr Energie
Mehr geistige Gesundheit
Mehr Bewusstsein
Mehr von dir ist hier. Mehr von dir lebt.
Und du wirst immer weniger von alten Mustern gesteuert sein.
Dieser Prozess ist kein Kampf. Er ist eine Rückkehr. Eine Heimkehr zu dir selbst.
Je öfter du ihn anwendest, desto natürlicher wird er. Desto schneller wirst du im Jetzt ankommen. Desto tiefer wirst du dich ausdehnen.
Und dein inneres Kind wird wissen:„Ich bin nicht mehr allein. Ich werde gehört. Ich werde gehalten. Ich bin zu Hause.“




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