Wenn das Unbekannte schmerzt - und es um mehr geht als „nur“ das Nervensystem
- Gianna Reccavallo
- 15. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Oft sprechen wir davon, dass das Unbekannte Angst macht, weil unser Nervensystem überfordert ist. Und ja – das Nervensystem spielt eine zentrale Rolle. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Denn der Schmerz, der entsteht, wenn wir uns aus vertrauten Mustern herausbewegen, kommt aus einem vielschichtigen Zusammenspiel von Körper, Erfahrung, Bindung und Identität.
Das Nervensystem ist kein isolierter Mechanismus. Es ist ein Resonanzraum. Es übersetzt das, was wir erlebt haben, in Reaktionen von Spannung oder Entspannung, von Nähe oder Rückzug. Es reagiert nicht auf die Realität selbst, sondern auf die Bedeutung, die diese Realität für uns trägt.
Unser Körper erinnert sich nicht an Worte oder Geschichten –er erinnert sich daran, wie sicher oder unsicher wir uns gefühlt haben.
In unseren Faszien, im Gewebe, im Atemrhythmus sind Erfahrungen gespeichert: Situationen, in denen wir uns anpassen mussten, in denen wir alleine waren mit unseren Gefühlen, in denen wir stark sein mussten, bevor wir gehalten wurden. Diese Speicherungen sind keine Fehler. Sie sind intelligente Antworten auf das, was einmal notwendig war, um zu überleben und dazuzugehören.
So entsteht das, was wir oft Komfortzone nennen. Für den Körper ist sie weniger Komfort als vielmehr Vorhersagbarkeit. Selbst wenn sie eng ist. Selbst wenn sie schmerzt. Das Bekannte fühlt sich sicher an, weil es vertraut ist.

Wenn wir beginnen, diese Zone zu verlassen – sei es durch persönliche Entwicklung, einen beruflichen Neubeginn, mehr Wahrhaftigkeit oder innere Freiheit – reagiert der Körper häufig mit Angst, Widerstand oder sogar Schmerz. Nicht, weil der neue Weg falsch ist, sondern weil er nicht mit dem übereinstimmt, was das System gelernt hat.
Dabei geht es nicht nur um Stressreaktionen. Oft wird ein tieferer Raum berührt: frühe Bindungserfahrungen, verlorenes Urvertrauen, alte Überzeugungen darüber, wer wir sein müssen, um geliebt oder sicher zu sein. Das Unbekannte konfrontiert uns dann nicht nur mit Unsicherheit, sondern mit einer stillen Frage: Wer bin ich, wenn ich das Alte loslasse?
Diese Schwelle kann sich bedrohlich anfühlen. Manchmal sogar schmerzhaft. Nicht, weil etwas kaputt ist, sondern weil sich eine Identität lockert. Weil sich Schutzmechanismen, die lange getragen haben, langsam auflösen dürfen.
Die Faszien halten diese Übergänge fest. Nicht als Emotionen im psychologischen Sinn, sondern als unterbrochene Bewegungen, zurückgehaltene Impulse, nicht gelebte Ausdrucksformen. Der Körper wartet nicht auf Erklärung – er wartet auf neue Erfahrung.
Heilung bedeutet deshalb nicht, das Nervensystem zu kontrollieren oder zu „beruhigen“. Sie geschieht auch nicht durch reines Verstehen. Heilung entsteht dort, wo Sicherheit erlebt wird. Wo der Körper in kleinen, achtsamen Schritten erfahren darf:
Ich bin hier. Ich werde gehalten. Ich darf mich verändern.
Neue Beziehungserfahrungen – mit uns selbst und mit anderen – sind dabei ebenso entscheidend wie Zeit, Langsamkeit und Mitgefühl. Wenn wir dem Unfertigen Raum geben, wenn wir den Schmerz nicht als Störung, sondern als Übergang würdigen, kann sich etwas tief im Inneren neu organisieren.
Dann erinnert sich das Nervensystem. Nicht an alte Gefahr – sondern an Urvertrauen.
Und das Unbekannte verliert langsam seinen Schrecken. Es wird nicht sofort leicht. Aber es wird lebendig. Weit. Möglich.
Vielleicht ist genau das der Weg: Nicht schneller zu werden. Nicht stärker.
Sondern wahrhaftiger – im Tempo des Körpers.




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